Pieces of Emotion

Bücherwurm, Serienfreak & Schreiberling

Wie unnormal ich die Kebekus liebe

Gestern durfte ich zum allerersten Mal die Comedian Carolin Kebekus live sehen – in der Beethovenhalle in Bonn ist sie mit ihrem neuen Programm „Alphapussy“ aufgetreten. Leute, das waren die schönsten zwei Stunden des ganzen Wochenendes.

Ja, ich weiß, die Frau polarisiert. Entweder man liebt sie oder man kann sie überhaupt nicht ausstehen. Dazwischen gibt’s nicht viele Stufen. Viele meiner Freunde lehnen ihren Humor ab, aber ich liebe diese Frau einfach.

Zwei Stunden lang hat sie auf der Bühne gestanden und mir Gesichtsmuskelkater beschert – es gab nur wenige Momente, in denen ich nicht lachen oder zumindest grinsen musste. Denn Carolin Kebekus hat in keiner Sekunde ein Blatt vor den Mund genommen. Sie redet einfach über alles, was ihr in den Sinn kommt und verpackt das in umgangssprachliche Worte, die wahrscheinlich nicht bei jedem Anklang finden. (Das Publikum war übrigens ziemlich gemischt – neben und vor uns saßen beispielsweise Paare, die die 50 vermutlich gerade überschritten haben.)

Da spricht sie von Terroristen, als wären es kleine Kinder, die flennend zu ihrer Mama rennen, wenn der Anschlag wieder einmal nicht geklappt hat. Da lässt sie sich über Pegida, AFD und weitere Idioten aus, die unsere Frauen vor den bösen, bösen Ausländer schützen wollen. Da erzählt sie von der Böhmermann-Affäre, die sie als Comedian natürlich stark betrifft. Da redet sie von deutschen 20-Jährigen, die ihre Eltern „Mom“ und „Dad“ nennen und mit ihrer Mutter in die Disco gehen.

Quelle: YouTube-Channel „PussyTerrorTV“ (Stand: 17.04.2016)

Egal, ob es sich um ein banales oder ganz ernstes Thema handelt, die Kebekus haut einfach alle Gedanken raus, die sie in irgendeiner Weise beschäftigen. Und dabei geht es nicht nur um Tabu-Themen wie beispielsweise ein Mutter-Tochter-Gespann, das zusammen Pornos dreht oder die Tatsache, dass Frauen eben auch pupsen. Und es dabei nicht nach Blumen riecht.

Nein, Carolin Kebekus geht auch auf Feminismus ein und die offenkundige Frechheit, dass Deutschland eines der Länder ist, in welchem die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen am größten ist. 22 %, meine Freunde! Und sie erzählt, wie ihr in Interviews Fragen gestellt werden, die sich ihre männliche Kollegen niemals anhören müssten – Ähnliches haben wir auch schon des Öfteren aus Hollywood gehört.

Und dann erzählt sie vom Phänomen Frau. Und von all den Problemen, vor die wir tagtäglich gestellt werden und vor die wir uns auch selber stellen. Davon, wie wir immer einem neuen Schönheitsideal hinterherrennen, weil die Gesellschaft es von uns verlangt. Davon, dass wir nie zufrieden mit unserem Körper sind, egal, wie viele Komplimente wir von anderen Menschen hören. Davon, dass den meisten von uns schon seit der Pubertät eingetrichtert wurde, dass Sex unbedingt etwas mit Gefühlen zu tun haben muss. Davon, dass wir teilweise noch mit Mitte oder sogar Ende 20 Angst haben, schwanger zu werden, weil wir nicht wissen, wie wir es den Eltern beichten sollen. Davon, dass wir uns selber so oft unterbuttern, dass wir vergessen, wie einzigartig jede einzelne von uns ist. Und davon, dass wir alle endlich einmal den Mut haben müssen, uns zu lieben und für das zu kämpfen, was wir uns eigentlich für unser Leben wünschen. Sie erzählt eben davon, dass in fast jeder Frau ein kleiner Psychopath steckt, der nicht nur durch Erziehung und das eigene Empfinden, sondern auch durch die Werte der Gesellschaft stark geworden ist.

Quelle: YouTube-Channel „PussyTerrorTV“ (Stand: 17.04.2016)

Viele Menschen mögen denken, die Kebekus wäre dumm oder schlecht erzogen oder vielleicht einfach „asi“. Weil sie sich auf der Bühne nicht so damenhaft verhält, wie Mann und Frau es von ihr erwartet. Aber warum sollte sie? Warum sollte sie sich in irgendeine Schublade, in irgendein Gesellschaftsbild stecken lassen? Warum darf sie nicht Worte wie „kotzen“ oder „abfucken“ benutzen und trotzdem in einem verdammt attraktiven Outfit über die Bühne laufen? Warum darf sie sich nicht für Gleichberechtigung und Feminismus einsetzen und trotzdem Nagellack tragen? Muss sie als Comedian(!) wirklich eine Vorbildfunktion erfüllen, nur weil sie öffentlich auftritt? Und fehlt ihr die nötige Intelligenz, nur weil sie sich eben auch mit total banalen Themen wie Pornos, YouTube oder Dick Pics auseinandersetzt? Spricht sie nicht damit nicht eigentlich genau das an, womit wir selbst uns auch im Alltag auseinandersetzen?

Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich genickt und geklatscht habe, weil Carolin Kebekus die Dinge auf den Punkt bringt, die mir selber so unendlich oft durch den Kopf schweben. Weil die Kebekus eben mindestens genauso kaputt ist wie ich. Und weil sie den Mut hat, all diese verwirrenden, erschreckenden und teils selbstverständlichen Gedanken in die Welt herauszuschreiben. Carolin Kebekus hat Eier. Und dafür liebe ich sie.

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