Liebesromane haben meist die Angewohnheit, unerträglich kitschig und vorhersehbar zu sein. Doch gibt es in dieser Masse von klischeehaften Schnulzen die eine oder andere Perle, welche den Leser überrascht, fasziniert und verwirrt. Ein solches Werk ist Audrey Niffeneggers Die Frau des Zeitreisenden aus dem Jahr 2004 – nicht umsonst zählt es zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.

Inhalt

Die Kunststudentin Clare Abshire ist 20 Jahre alt, als sie den 28-jährigen Henry DeTamble in einer Bibliothek kennengelernt. Sie ist überglücklich, ihn zu treffen und verliebt sich vom ersten Moment an in ihn – denn eigentlich kennt Clare den jungen Mann schon seit ihrem sechsten Lebensjahr. Henry ist nämlich an dem genetischen Effekt „Chrono-Impairment“ erkrankt, das ihn zu einem Zeitreisenden macht. So verschwindet er in bestimmten Momenten und taucht splitternackt zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort auf, ohne dies beeinflussen zu können. Erst aufgrund dieser Tatsache hatten die zwei Liebenden die Möglichkeit, sich zu treffen, ineinander zu verlieben und einer verrückten Zukunft entgegenzusehen…

Kritik

Audrey Niffenegger hat mit Die Frau des Zeitreisenden ein Meisterwerk geschaffen, das nicht nur in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, sondern auch in etlichen Bestsellerlisten unter den Top 10 erschien. Diese Auszeichnungen sind in jedem Fall gerechtfertigt, denn Niffeneggers Roman hat unzählige Leser aufgewühlt, verwirrt, begeistert und am Ende mit Tränen in den Augen zurückgelassen.

Quelle: Fischer Verlag

Quelle: Fischer Verlag

Der rote Faden

Es dauert einige Seiten, bis man der Geschichte folgen und die Zeitsprünge ansatzweise verstehen kann. Denn die Kapitel wechseln ständig zwischen Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit, um Henrys Zeitreisen realistisch darzustellen. Hat man allerdings erst einmal in die Story hineingefunden, tut Niffeneggger ihr Bestes, dass die Leser den roten Faden nicht verlieren. Natürlich sind diese stets selbst dafür verantwortlich, mitzudenken und aus dem kleinen Wirrwarr schlau zu werden.

Die Charaktere

Interessant ist, dass die Autorin ihre Charaktere als Ich-Erzähler darstellt. Die persönlichen Empfindungen, Gefühle und Gedanken können so viel besser und interessanter präsentiert werden, da der Leser stets einen Einblick in den Kopf der Figuren erhält. Und die sich daraus ergebenden Aspekte sind in jedem Fall mitreißend: Henry erzählt, wie er sich bei seinen Zeitsprüngen fühlt oder was Clares Anblick jedes Mal aufs Neue bei ihm auslöst. Clare hingegen denkt oft darüber nach, wie zwiegespalten sie ist – einerseits ist sie glücklich, Henry an ihrer Seite zu haben. Andererseits hat sie es schwer, nie zu wissen, wann Henry verschwindet und eventuell wieder auftaucht. Darüber hinaus ergeben sich durch diese Perspektive einige Szenen, die den Leser zu Tränen rühren; so etwa reist Henry in die Zukunft und lernt die alte, weißhaarige Clare kennen.

Realistische Zeitreise

Insgesamt wirkt die Geschichte – trotz der Zeitsprünge – sehr realistisch. Denn Audrey Niffenegger konzentriert sich nicht nur auf die wichtigen Ereignisse in Clares und Henrys Leben, sondern lässt die beiden Charaktere auch von ihrem Alltag und scheinbar unwichtigen Gegebenheiten plaudern. Darüber hinaus besitzen die Figuren zahlreiche Facetten und Eigenschaften, die sie sympathisch und zugleich echt wirken lässt. Beim Lesen des Werks schleicht sich das Gefühl ein, die beiden wären gute Freunde, die uns ihre bewegende und aufregende Geschichte bei Kaffee und Kuchen erzählen.

Fazit

Die Frau des Zeitreisenden ist ein intelligenter und aufregender Liebesroman, der dem kitschigen Klischee entflieht und seine Leser dazu auffordert, stets mitzudenken. Zu empfehlen für jeden – insbesondere natürlich Frauen – die auf diesem Wege das Abenteuer von Clare und Henry miterleben möchten.

____________________________________________________
Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden
544 Seiten, FISCHER Taschenbuch
Originalausgabe 2003 erschienen unter dem Titel „The Time Traveler’s Wife“
Erste Auflage der deutschen Ausgabe 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Jakobeit
ISBN 978-3-596-16390-8